Bulgarische Impressionen oder eine WM Nachbetrachtung

by on15. Juni 2012

Nach der Weltmeisterschaft in Moskau brauchte die Krennwurzn dringend Urlaub, aber das Wetter im geplanten Urlaubsgebiet wollte sich nicht den Wünschen anpassen und so wurde kurz entschlossen am Samstag eine Woche Sonnenstrand in Bulgarien mit Abflug Sonntag gebucht. Der Sonnenstrand liegt nördlich von Burgas am Schwarzen Meer und ist ein „Ballermann“ in einer wunderbaren Bucht in der Nachbarschaft des UNESCO Weltkulturerbes Nessebar. Für Schach-, Bade- und Technomusikinteressierte findet dort Anfang September im Rahmen der Czechtour das Sunny Beach Open 2012 statt.

Aber was soll das Geschwafel über Urlaubsreisen und Schachturniere werden Sie sich nicht zu Unrecht denken und da will ich Sie gar nicht länger auf die Folter spannen. Wie die Krennwurzn so durch die diversen Verkaufsbuden schlendert, fällt ihr Blick auf ein Schachbrett, das umgeben von Schlagringen zum Verkauf angeboten wird. Sofort sind die Gedanken wieder bei der als langweilig kritisierten Weltmeisterschaft – ja es muss wieder mehr Brutalität in den Schachsport kommen. Die Fans wollen Schlachten sehen, erschaudern vor Angst ob der geliebte Schachspieler alle Gefahren des Variantendschungel gut überstehen wird und sich mit letzter Kraft als Sieger vom Brett schleppen wird. Und natürlich möchten wir den gehassten Gegenspieler sehen wie er trotz aller schmutzigen Tricks dennoch aus dem bitteren Krug der Niederlage trinken muss. Ja – das Gute muss im heroischen Kampf siegen!

Nach so viel Aufregung musste ich wegen 30 Grad Außentemperatur dringend ins Meer zur Abkühlung und da der Strand hier schön sandig und sehr flach ist, lädt er dazu idealerweise ein. Das um die 20 Grad warme Wasser kühlte dennoch das in Wallung geratene Blut schnell wieder ab und so machte sich die Krennwurzn ein paar weitere Gedanken, warum eigentlich der vergangene WM-Kampf von vielen so hart kritisiert wurde und mildestens als etwas langweilig bezeichnet wurde.

Eigentlich war es doch ein Wettkampf ohne grobe Fehler – möglicherweise könnte man Df6 von Gelfand zwar als solchen bezeichnen, aber so weit gingen nicht einmal die Experten von denen einige selbst die Widerlegung live selbst nicht gesehen hatten. Und ansonsten wurde uns vorgeführt wie schnell und dynamisch man die Luft aus der Stellung nehmen kann ohne dass man lang ausanalysierte und hinlänglich bekannte Hauptvarianten, die unweigerlich ins Remis führen, bemühen muss. Das „alte“ Schach bietet genügend Raum, man benötigt weder 30,40 oder sonstige Remisverbotsregeln und auch kein 960 Fischerschach gegen lange vorbereitete Varianten und Fallen – nein, das geht alles ratz­fatz „on the board“ in ungefähr 25 Zügen haben uns die Finalisten eindrucksvoll bewiesen! Endlich ist er da, der schon von Capablanca im vorigen Jahrtausend beschworene Remistod. Aber halt! Vermuten wir nicht schon lange, dass Schach Remis sein könnte und dennoch sogar die stärksten Engines sind immer noch in der Lage gegeneinander zu gewinnen, obwohl die Remisquote in solchen fehlerarmen Wettkämpfen schon hoch ist und weiter steigen wird. Remis aufgrund von fehlenden Fehlern bzw. aus nicht als solche erkannte kann nicht der Grund unserer Unzufriedenheit gewesen sein.

Wahrscheinlich war es der fehlende Hass der Spieler aufeinander, der korrekte sportsmännische und professionelle Umgang miteinander, der in der Schachwelt das Fadheitsgefühl erzeugte. Das Schach auf diesem Niveau verstehen die wenigsten von uns – ehrlich gesagt geht es uns wie dem berühmten Schafhirten beim Verständnis der Formel 1 Technik. Uns fehlte die Show rundherum! Kein Topalov der ankündigt jedes Remisangebot schroff abzulehen, keine Unterstellungen bezüglich unerlaubter Computerunterstützung während der Partie, keine politischen und weltanschaulichen Diskussionen – ja nicht einmal Kritik an der Farbe der Socken. Nichts, gar nichts! Nur fairer und ehrlicher Sport – das ist ja urlangweilig!

Und dann geht die Fairness noch so weit, dass der Weltmeister keine Privilegien mehr genießt und zur Titelverteidigung auch noch den Wettkampf gewinnen muss! Möglicherweise ist das aus Zuseherinteresse wirklich etwas übers Ziel hinausgeschossen, denn erstens lieben wir Weltmeister, die lange ihren Titel verteidigen und das Schach dominieren – die meisten von uns erinnern sich eben nur an die Zeiten ab Fischer 1972 und da gab es dann lange Karpov gefolgt von Kasparov. Die unruhigen Zeiten in den Nullerjahren des neuen Jahrtausend mit Parallel, KO und sonstigen Weltmeister waren nicht nach unserem Geschmack und sehr unübersichtlich noch dazu! Daher wäre wohl die Ungerechtigkeit, dass der Herausforderer den Weltmeister schlagen muss der Spannung und der Dramatik eines WM-Matches nicht unabträglich – aber wäre das dann noch zeitgemäß?

Bannerschachreisen240pxDie Kritik ging noch weiter und besagte, dass doch die aktuell stärksten Spieler um die WM Krone spielen sollten und nicht ein zufriedener überalterter Weltmeister mit Rücktrittsgedanken gegen einen noch älteren und in der Weltrangliste schon abgerutschten Herausforderer. Nun die beiden sind um die fünf Jahre jünger als die Krennwurzn und auch diese fühlt sich noch nicht so alt, ebenso wie viele WM-Kritiker und Schachfreunde, die wohl auch schon in der zweiten Lebenshälfte angekommen sind. Zudem gibt es nicht alte und junge sondern nur gute oder schlechte Schachspieler und beide haben sich ihren Finalplatz redlich und den Regularien entsprechend erspielt – nein, Leute dieser Kritikpunkt zählt nun nicht wirklich!

Bleibt nur mehr die Kreativität und die Schaffenskraft oder wie wir Schachspieler lieber sagen die Genialität! Fischer war so genial, das man ihm alle anderen menschlichen Unzulänglichkeiten einfach vergeben musste, Karpov war der ideale Technokrat, Kasparov einfach unsterblich und Carlsen der Mozart des Schachs! Da ist es schwer für die anderen einen würdevollen Platz in unseren Herzen zu finden. Aber weil wir gerade bei Mozart sind, auch nach seiner leichten und genialen Musik fanden andere den Mut ebenfalls hörenswerte Musik zu komponieren – wie beispielsweise der gestrenge Anton Bruckner aus der unmittelbaren Heimat der Krennwurzn.

Weinen wir nicht genialen Mozartklängen nach, sondern vergleichen wir den WM Kampf Anand gegen Gelfand lieber mit einer schwermütigen Brucknersymphonie und erfreuen uns daran! 

Und während die Krennwurzn schon etwas zu sehr abgekühlt aus dem Meer entflieht, schleicht sich der Gedanke, ob sich vielleicht nicht doch ein geschäftstüchtiger Promoter finden wird, der WM-Kämpfe mit Schachbrett und Schlagringen austragen lässt, in die bibbernde Krennwurzn.

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

Kommentare   

#1 Roggenossi 2012-06-16 16:17
Ein Schachbrett zwischen Schlagringen?! Dann stimmt es ja was ich immer schon sage, daß Schach ein geistiger Kampfsport ist, und in diesem Shop offenbar so eingeordnet wurde.

Die WM war ein furchtbares Attentat auf die Attraktivität und Sponsoring-Würdigkeit von solchen Schachwetkämpfen. Davon werden wir uns lange nicht erholen. Oder wie ich befürchte, zu unseren Lebzeiten überhaupt nie mehr.

Die einzige Hoffnung besteht darin, daß der Welt schön langsam die Diktatoren ausgehen die der Herr Präsident (der zweifellose wiedergewählt wird) besuchen kann, und so sein Schadenspotential schrittweise verringert wird. Danach ca. 20, 30 Jahre Gras darüber wachsen lassen und dann könnte die FIDE vielleicht wieder als zivilisierte Organisation wahrgenommen werden.

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