Ausgewertet

by on05. Januar 2014

Kommen wir aus aktuellem Anlass noch einmal auf Jan Timman zu sprechen. Dass dieser auch im Studienbereich komponiert, habe ich hier im Blog bereits mit einer schönen Studie aus seiner Feder nachweisen können. Er gehört allerdings auch zu den Personen, für die alle zehn Jahre ein Studienkompositionsturnier stattfindet. Eine Ausschreibung zu diesem Turnier konnte man auch hier in der Schachwelt lesen.

In der Oktoberausgabe von EG war nun das Ergebnis abgedruckt. Es gewann der in der Komposition noch wenig bekannte Steffen Slumstrup-Nielsen. Der Däne ist auch im Partieschach aktiv und hat eine Wertung im Bereich 2100- 2200 ELO. Ein Blog über Schachstudien und besondere Schachpartien, das er betrieb, findet man leider nur noch in Onlinearchiven.
Mit seiner Studie in Timmans Turnier hat er ein eindrucksvolles Ausrufezeichen gesetzt, dass auch heute noch Klassiker in der Schachstudie entstehen können.

SlumstrupR

 

Weiß besitzt einen Bauern für einen Läufer. Auf der Habenseite hat er zwar zwei verbundene Freibauern auf der sechsten Reihe, aber leider ist sein Turm in Nöten. Wie schafft er es, Remis zu halten?

Kommentare   

#1 StefanM 2014-01-06 22:49
Nennt mich einen Banausen, aber ich kann mit sowas nichts anfangen. Was um alles in der Welt sollen denn die vorausgehenden Züge von beiden Seiten gewesen sein, die zu dieser hirnrissigen Stellung geführt haben? Gut, Schwarz hat wohl gerade Lh7-g8 gezogen, aber welchen fulminanten Sackzug hat Weiß davor gemacht?
#2 Losso 2014-01-07 09:11
Das ist eine grundsätzliche Problematik, die auch heute noch viele Partieschachspieler davon abhält, sich mit komponierten Schachstellungen zu beschäftigen. Einerseits kann man durchaus zu Recht behaupten, dass der künstlerische Wert bei solchen Kompositionen unabhängig von einer möglichen Vorgeschichte einer Stellung ist. Wenn das allerdings zum Unbehagen bei Partieschachspielern führt, hat man das Problem, dass man potentielles Publikum verschreckt.

Das Empfinden von Schönheit in den Motiven der Schachkomposition entwickelt sich je länger man sich mit ihnen beschäftigt. So war es zumindest bei mir. Allerdings war es auch bei mir so, dass ich im ersten Jahr nicht so furchtbar viel verstanden habe, aber schnell gemerkt habe, dass die Investition sich lohnt, da mir mein Hobby viel Freude bereitet.

Für Partieschachspieler mit wenig Empfinden für die Schönheit gilt mithin, dass sie sich dennoch mit Schachkompositionen beschäftigen sollten, zumindest mit Studien. Gerade die besten Spieler unserer Zunft verbringen sehr viel Zeit mit Studien, die einerseits den kreativen Blick schärfen, andererseits die Denk- und Rechentechnik schulen. Und bei Erfolgstrainern wie Alexander Koblenz standen auch Schachprobleme weit oben auf der Speisekarte. Einer seiner Schüler war Mikhail Tal.

Der Einwurf kommt allerdings nach meinem Dafürhalten zur Unzeit, da diese Stellung nun wirklich nicht partieunwahrscheinlich ist. Auf f7 kann es beispielsweise einen Damentausch gegeben haben, der Ld7 hat dort einen Bauern geschlagen und der schwarze Turm könnte beispielsweise einen Bauern auf b3 verspeist haben und nach Ka2 nach d3 gezogen haben. Ein wenig wahrscheinlicher wäre sie wohl (insbesondere von den Königstellungen her), wenn man sie an der vertikalen Achse zwischen d- und e-Linie spiegeln würde (kleine Rochaden sind häufiger als große), aber es gibt eine Vereinbarung bei den Problemisten, dass man normalerweise versucht, zur besseren Kontrastierung von Diagrammen möglichst viele schwarze Figuren auf weißen Feldern zu positionieren.
#3 Helmut 2014-01-07 10:16
Damentausch auf a2 sieht auch plausibel aus denke ich.

Ich als Patzer sehe Schach, daher mach ich mal den Einstieg:
1. Lc6+ Kb8
2. Ld5 Lxf7
3. Lxf7 Txd6
4. g7 Lxg7
5. fxg7 Td8

Das kann aber nicht die Lösung sein, denn ich sehe kein eindrucksvolles Ausrufezeichen.
#4 Losso 2014-01-07 11:10
Hallo Helmut,
muss Schwarz denn 2.-Lxf7 spielen? Oder geht da nicht etwas stärkeres?
#5 Helmut 2014-01-07 11:59
Kurz noch mal angeschaut: TxL wird es wohl kaum sein.

Also eher 2... Lxd6

3. Tb7+ Ka/c8
4. Lxg8 Kxb7
5. Ld5+ Txd5
6. g7
scheint für weiss zu gewinnen, aber schwarz muss nicht Txd5 spielen. Jetzt dürfen andere auch mal...
#6 Losso 2014-01-07 18:45
Helmut: Ich befürchte, dass ich dich gerade auf die falsche Fährte geführt habe. Das kommt davon, wenn man mal nebenher einen Kommentar postet. Sorry!
Also: wer widerlegt 1.Lc6+? Oder geht gar die Lösung so los?
#7 Troubadix 2014-01-07 19:43
Ich finde auch, dass Partieähnlichkeit bei Studien ein wichtiges ästhetisches Kriterium ist - vielleicht weil ja auch die Forderung "Weiß gewinnt" oder "Weiß hält remis" partieähnlich ist (anders als im Problem). Ich finde allerdings auch, dass das Diagramm kein Beispiel für diese Problematik darstellt; denkbar wäre auch 0.h5xSg6 Lh7-g8.
Zur Stellung: Ich dachte, in Helmuts Variante sei 2...Lxf7 gerade der Richtige und nach 3.Lxf7 Tg3 gewinnt Schwarz, weil der König nach 4.d7 Kc7 den Bauern aufhält. Das bringt mich zu 1.Le6, wonach zumindest diese Variante für Schwarz nicht funktioniert.
#8 Losso 2014-01-10 21:08
Troubadix hat korrekt dargestellt, dass 1.Lc6+? daran scheitert, dass der schwarze König herangeführt wird. Allerdings hatte das Manöver Lc6-d5 zur Folge, dass Tb7+ möglich wurde. Dies geht im Falle von 1.Le6 nicht mehr. Danach stellt das von Helmut vorgeschlagene 1.-Lxd6 die härteste Probe für die weiße Spielführung dar.

Hoffentlich schaut der ein oder andere noch mal. Bei diesem Stück und der tollen Entwicklung, die folgt, lohnt sich das.
#9 joerg005 2014-01-11 04:18
" #8 Losso "
Also, auf die Schnelle lacht mich dann 2.Tf8+ an: Nicht 2.Ta7+, um nach 2...Lf8: und 3.Lg8: nebst 4.g7 auch auf f8 einziehen zu können und um Ld5+ in der Hinterhand zu haben.
Aber irgenwie klappt das nicht.
Vielleicht auch sofort 2.g7 mit der Drohung 3.Tf8+. Sieht aus, als wenn das funktionieren könnte.
#10 Sven Joachim 2014-01-11 10:55
zitiere joerg005:
" #8 Losso "
Also, auf die Schnelle lacht mich dann 2.Tf8+ an: Nicht 2.Ta7+, um nach 2...Lf8: und 3.Lg8: nebst 4.g7 auch auf f8 einziehen zu können und um Ld5+ in der Hinterhand zu haben.
Aber irgenwie klappt das nicht.

Wegen 3....Tg3, und auf 4.g7 folgt einfach Lxg7.

Weiß kann sich auch keinen Abwartezug wie 2.Lc4 erlauben, weil das Läuferendspiel nach 2...Lxf7 3.Lxf7 Tg3 4.g7 Le5 5.g8D Txg8 6.Lxg8 Lxf6 verloren ist.

Zitat:
Vielleicht auch sofort 2.g7 mit der Drohung 3.Tf8+. Sieht aus, als wenn das funktionieren könnte.
Kritisch sieht darauf 2...b3+ aus. Nach 3.Lxb3 (3.Kb1? Le5 mit der Drohung Td1#) Txb3 4.Tf8+ Lxf8 (oder 4...Tb8+ 5.f7 Lxf7+ 6.Txf7 f4 7.Td7) 5.f7 müsste Schwarz einen der Läufer mit Schach wegziehen, um zu gewinnen. Aber das klappt nicht, zum Beispiel ist nach 5...Ta3+ 6.Kb1 Ta1+ 7.Kc2 Ta2+ 8.Kb1 Tb2+ 9.Ka1 der Bauer f5 im Weg (ohne ihn gewönne Tb1+ nebst Lh7+ und Lxg7).
#11 joerg005 2014-01-11 12:15
" #10 Sven Joachim "

zu 1: Schon klar
zu 2: Die Variante mit b3, explizit die mit dem späterem möglichen Abzugsschach, war mir allerdings entgangen. Hatte eigentlich b3 schon abgehakt. Dabei ist dies ja die - wahrscheinlich - am Ende entscheidend verblüffende Kontra/ Re-Lösung
#12 Losso 2014-01-11 20:24
Das ist die spannungsgeladene Stellung nach dem fünften Zug von Weiß:


Sven schreibt hier:
Schwarz müsste einen der Läufer mit Schach wegziehen, um zu gewinnen, aber das klappt nicht.

Allerdings kann der Schwarze dem Weißen noch einige einzige Züge abnötigen, die ein beredtes Zeugnis davon abgeben, welche Spannung in dieser Stellung steckt.
#13 joerg005 2014-01-12 09:19
" #12 Losso "

Schwarz kann den weissen König noch mittels seines Harakiri-turm über die ganze untere Bretthälfte jagen. Dabei sind die Diagonalfelder a1-a3/ h8-f8 und ferner alle schwarzen Felder rechts davon tabu für Weiss, ergo immer auf den weissen Felder bleiben. Bei eventuell möglichem Kd3/f3/h3 aufpassen, dass nicht Td2+/f2+/h2+ folgen kann.
#14 Losso 2014-01-13 09:54
Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Es ist konkret und man sollte jeden Zug einzeln überlegen. Probleme gibt es dabei nicht nur mit Td2+/f2+/h2+.
Außerdem ist a1 nicht unbedingt problematisch. 5.-Tb2+ 6.Ka1 ist okay für Weiß und lenkt nach 6.-Ta2+ 7.Kb1 Ta1+ in die Hauptvariante ein.

Vielleicht kann jemand nach 5...Ta3+ 6.Kb1 Ta1+ 7.Kc2 weiter machen.
#15 joerg005 2014-01-13 11:32
Ist das nicht mein Reden?
A: 5...Ta3+ ist schneller als 5...Tb2+, damit ist a1 ' wägen Rägel ' nicht betretbar.
B: Nach 7.Kc2 kann 7...Ta2+ folgen, dann ist d3 tabu für Weiss, nach 7...Tc1+ jedoch ist es einziges Feld. Nach dann 8...Tc3+ geht 9.Kd2 nicht wegen Lb4 mit Abzugsschachdrohung Tc8, also 9.Ke2. Nach dann 9...Tc2+ wiederum kann Weiss nicht nach d3 zurück, auch nicht nach f3, wegen eben 10...Td2/f2+; also nach f1. Jetzt kann nach 11...Tf2+ g1 jedoch betreten werden, weil nach Lc5 kein Abzugsschach auf die schwarze Grundlinie möglich ist.
Insofern revidier ich mein Urteil, dass ALLE schwarzen Felder in der rechten Diagonalhälfte tabu sind.
Sehr verheissungsvoller Start ins neue Jahr, Losso, ist die Studie und wünsch ich Dir.

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