Arkadij Naiditsch zur Entscheidung des DSB

by on05. Januar 2012
Arkadij Naiditsch 2011 Arkadij Naiditsch 2011 GFHund

Soeben erreichte uns Arkadij Naiditschs Antwort auf seinen Ausschluss aus der Nationalmannschaft und den Ereignissen der letzten Monate. Sollte die Materie für Sie neu sein, hier die Links zu den vorangegangenen Blogbeiträge zum Thema

Europameister versus Bundestrainer - Ring frei für Runde 2 und

Schachbund trennt sich von Arkadij Naiditsch

Arkadij Naiditschs Presseerklärung:

Zunächst darf ich meiner Enttäuschung über die Entscheidung und das Verhalten des DSB Ausdruck verleihen, da ich stets sehr gerne für die Deutsche Nationalmannschaft gespielt habe und glaubte, dass wir uns auf einem richtigen Weg befinden.
Ich empfinde die Entscheidung des DSB als unangemessen, zumal mir vor der Entscheidung nicht einmal Gelegenheit zur Stellungnahme gewährt wurde. Eine Anhörung meiner Person hat es nicht geben.
Das Interview, in dem ich angeblich wieder das Thema „Bönsch“ aufgreife, ist von dem Journalisten völlig falsch gewichtet worden. Ich hatte etwa ein halbstündiges Gespräch mit dem Journalisten, indem das Thema Bönsch lediglich gestreift wurde und ich mich in der zitierten Form nicht über Herrn Bönsch geäußert habe. Ähnliche Erfahrungen mit diesem Journalisten hat offenbar auch Daniel Fridman gemacht. Hätte mich der DSB vor seiner Entscheidung angehört, so hätte ich die Gelegenheit genutzt, dies klarzustellen.
Am Abend vor der ersten Runde der Europameisterschaft 2011 hatten Herr Bönsch und ich ein kurzes privates Gespräch, wobei wir uns einig waren: „Wir sind hier, um das Bestmögliche zu erreichen. Das Persönliche sollte dabei keine Rolle spielen.“ Die Aufgaben waren klar verteilt: 5 Spieler, Kasimdzhanov als Trainer und Bönsch als Delegationsleiter. Alle erfüllten Ihre Aufgaben gut und der Erfolg war grandios.
Ich habe den Eindruck, dass einige der DSB-Funktionäre an einer Klarstellung auch nicht interessiert waren und schon seit längerer Zeit versuchen, einen Grund zu finden, mich als „unbequemen Spieler“ aus der Nationalmannschaft streichen zu können.
Dabei habe ich in der Vergangenheit die zahlreichen Missstände und Probleme im DSB stets erst intern angesprochen; meistens leider erfolglos.
Ich habe den Eindruck, dass erst meine öffentliche Kritik im vergangenen Jahr dazu führte, dass sich überhaupt etwas bewegte.Zum ersten Mal bekamen wir mit AUK einen Sponsor.
Als Spieler hatte ich bisher nur einen Vertrag mit der Wirtschaftsdienst GmbH, die im Namen der Schachbundes die Spieler honorierte. Die Verträge mit der Wirtschaftsdienst GmbH kamen regelmäßig unpünktlich. Selbst dieses Jahr machte die Wirtschaftsdienst GmbH keine Ausnahme. In diesem Jahr gab es einen Spielervertrag in dem es sehr viele Punkte gab, für die sich die Spieler einseitig verpflichteten; der DSB dagegen verpflichtete sich im Wesentlichen nur dahingehend, „sein Bestes zu geben“. Aber dies war nicht mein Hauptkritikpunkt, sondern der Umstand, dass ich mich mit der Unterschrift unter den Sponsorenvertrag gleichzeitig verpflichtete, auch den zusätzlichen Honorarvertrag von der Wirtschaftsdienst GmbH zu unterschreiben, der allerdings bis Ende Juli überhaupt nicht vor lag. Auf meine E-Mail, wo der Vertrag denn bleibe, antwortete mir Herr Deventer, die zuständige Person sei im Urlaub. Daraufhin habe ich meine Kommunikation mit dem DSB unterbrochen, da ich keinen weiteren Sinn mehr gesehen habe. Sven Noppes, der auch schon im Vorfeld zwischen DSB und Nationalmannschaft vermittelte, half nun das Hin und Her zu beseitigen. Zunächst meinte der DSB, ich brauche den Spielervertrag nicht zu unterschreiben, solange ich nicht den Vertrag mit der Wirtschaftsdienst GmbH unterschrieben habe.
Anfang August erhielt ich dann die Nachricht, ich hätte den Spielervertrag nun doch vor dem Honorarvertrag mit der Wirtschaftsdienst GmbH innerhalb kürzester Zeit zu unterschreiben, andernfalls könnte ich nicht für die Mannschaftseuropameisterschaft nominiert werden. Auch wenn der Inhalt des Vertrages grundsätzlich abgesprochen war, ist dies für mich ein unglaublicher, unprofessioneller Vorgang!
Dabei war allen Beteiligten aus meiner Sicht zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass ich von der Vertragssituation weiterhin nicht begeistert war. Ich habe in den Gesprächen kommuniziert, dass ich die Verträge nur deshalb unterschreibe, weil ich die ersten Schritte des DSB bis zu diesem Zeitpunkt anerkenne (Eröffnungstrainer und erste Schritte der Honorarverbesserung) und ich unbedingt für Deutschland schon wieder in diesem Jahr spielen wollte. Es war aber eben auch klar, dass erst ein Anfang in die richtige Richtung gemacht worden ist und es nach der Mannschaftseuropameisterschaft weitere Gespräche und zukünftig neue Verträge geben muss.
Anstatt professionell zu arbeiten und seine strukturellen Mängel zu beseitigen, konzentriert sich die DSB-Spitze derzeit darauf, in der Öffentlichkeit unfruchtbare Diskussionen und Interviews zu führen, um offensichtlich alte Rechnungen zu begleichen.
bannerendspiel anzAnstatt den unglaublichen Erfolg der Europameisterschaft zielgerichtet zu nutzen und zu vermarkten, vergibt der DSB seine Chancen, nachhaltige Verbesserungen herbeizuführen.
Seit vielen Jahren schlage ich immer wieder intern vor, die Nationalmannschaft viel stärker in das Jugend-Training einzubinden, um eine optimale Förderung der Talente zu erreichen, zum Beispiel mit Simultanveranstaltungen, Trainingsevents und der Begleitung zu wichtigen Turnieren, wie WM oder EM.
Der DSB sollte endlich aufhören, zu verbreiten, das Schach eine Randsportart darstellt und wir eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten im Schach haben. Das Budget des DSB eröffnet zahlreiche Möglichkeiten.
Warum wird die Nationalmannschaft nicht stärker in die Popularisierung von Schach in Deutschland eingesetzt?
Bei der EM in Griechenland haben mehr als 250.000 „unique users“ aus Deutschland uns zugeschaut und „live“ mitgefiebert. Dies sind nur die Zahlen der offiziellen Seite.
Die Popularisierung von Schach kann mit Erfolgen wie unserem Sieg bei der Europameisterschaft 2011 erfolgen und nicht etwa mit dem Debakel bei der Olympiade 2010.
Ich darf meine Stellungnahme/Presseerklärung mit der Hoffnung schließen, dass auch in Zukunft das stärkste Team für Deutschland an den Start gehen wird und dies zu professionellen Bedingungen.
Ich wünsche allen schöne und friedliche Feiertage und ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr 2012!
Dortmund, 23.12.2011

Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

Kommentare   

-1 #1 Thomas Richter 2012-01-06 14:29
Einige Bemerkungen von einem nicht ganz unbeteiligten Aussenstehenden - auch als Reaktion auf den Kommentar von Peter Donegani im Parallelthread:

- Die Sache mit den zwei Verträgen klingt merkwürdig. Mich würde hier nach wie vor interessieren zu welchen vielen Punkten Naiditsch (und seine Kollegen) sich einseitig verpflichten mussten. Das müssen sie wohl selber klären - da der Schachbund dies aus juristischen bzw. Privacy-Gründen nicht machen kann oder will.

- Dass es vor der Entscheidung des Präsidiums keine Anhörung von Naiditsch gab lag, so vermute ich, daran dass der Schachbund das Interview als authentisch betrachtete und keinen Klärungsbedarf sah.
Es stimmt aber doch nicht dass Naiditsch keine Chance hatte sich zu äusseren: er hätte es genauso machen können wie Fridman bzw. - wenn das Interview völlig falsch veröffentlicht wurde - über eine Gegendarstellung in "Der Westen". Die hätten sie publizieren müssen, ganz unabhängig davon ob "der Journalist" Fehler gemacht hat und diese zugibt.
In der entscheidenden Woche zwischen Artikel und Entscheidung des Präsidiums hat Naiditsch viel Schach gespielt - zuerst Bundesliga dann Spanische Liga. Aber ist niemand aus seinem direkten Umfeld aufgefallen welchen Wirbel das auslöste?

- Ich frage mich trotzdem wie "der Journalist" die Zitate erfinden konnte. Bei "Er [Bönsch] glaubt jedoch, er fahre nicht zu einer EM, sondern in die Ferien“ kann ich mir noch vorstellen dass Naiditsch das anders gesagt und gemeint hat (vielleicht einfach "Bönsch machte einen Stranspaziergang"?); bei "Gratuliert hat mir auch niemand." reicht meine Fantasie nicht aus ... .
Ein russisches Naiditsch-Interview ist auf Video dokumentiert; zwischen dem Datum und der Veröffentlichung der Presseerklärung gab es noch ein drittes Interview: http://www.whychess.org/node/3633 - wohl auch kein Beitrag zu Versöhnung, Burgfrieden oder Waffenstillstand.

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