Angst essen Seele auf

by on07. September 2012

Klar, wenn im Match gegen Armenien nicht nur Daniel Fridman seinen Vorteil verwertet sondern auch Georg Meier nicht die Dame eingestellt (Video) und Arkadi Naiditsch seine Remisstellung gegen Aronjan gehalten hätte, wäre auch Igor Chenkin für sein in diesem Fall mannschaftsdienliches Remisgebot auf die Schulter geklopft worden. Aber wie es lief, nämlich 1,5:2,5 und statt geteilter Tabellenführung tschüss Medaille, stellen sich für mich, der nicht live dabei war, einige Fragen an diejenigen, die mehr mitbekommen haben: War Meier, als Chenkin remis bot, aus dem Gröbsten raus? Wie schwer war Movsesians Zeitnot? War Chenkins Stellung zwar vorteilhaft (Computer zeigt fast +1), aber für ihn viel schwerer zu spielen als für seinen Gegner? Hatte Teamchef Uwe Bönsch sein Remisgebot gutgeheißen? Warum ist es kein anderer im Team, der sich durch ein, wie es aussieht, Angstremis in die Diskussion bringt?

 

Okay, kann man alles nach dem Sonntag besprechen. Zwei Siege reichen immer noch für Platz vier oder fünf. Haut rein! 

Kommentare   

+1 #1 Tiger-Oli 2012-09-07 15:13
Hey Stefan,

ich weiß nicht, aber hier nur so Fragen in den Raum zu werfen, die andeuten, dass Khenkins Remis daneben war - ich mag es irgendwie nicht.
Hilfreicher fände ich es, den genauen Verlauf und die Rahmenbedingungen für das Remis zu recherchieren ... falls das möglich ist (und ich weiß, dass es nicht einfach ist, wenn überhaupt).
Durch deinen Text drängst Du Khenkin ein bisschen schon wieder in die Remisschieber-Ecke, in die Du ihn immer gerne hineinschiebst. Ob zu Unrecht oder zu Recht, kann ich nicht beurteilen. Auf dem Turnier hier hat er doch eigentlich sehr manierlich gespielt und gefightet.
Doch wenn man hier Andeutungen macht von Angst und Eigenmächtigkeit beim Remisangebot, würde ich besser finden, da ein paar Fakten dazuzuliefern. Sonst wird es sehr schnell sehr unfair.

Nichts für ungut

Tiger-Oli
+1 #2 Northsea 2012-09-07 16:59
Die Partie kann man hier einsehen:
www.chessolympiadistanbul.com/p2w/index.php?r=9

Ja, Khenkin als Weißer hat zwei Bauern, dafür kann Schwarz sich die Qualität holen. Das der Computer die Stellung mit +1 bewertet, weiß ja Khenkin nicht. Ich denke die Stellung ist komplex genug um evtl. auf ein gegenteiliges Urteil zu kommen. Irgendwie scheint er die schwarzer Chancen auf dem Damenflügel überbewertet zu haben. Er hat vielleicht seine Verlustmöglichkeiten als höher bewertet als sine Gewinnchancen und deshalb Remis angeboten oder angenommen.
Es ist sein gutes Recht. Wie die Situation zu dem Zeitpunkt an den anderen Brettern war, ist unklar.
Sonst bräuchte man entweder einen Film über das geschehen oder einen pgn Viewer, der n parallele Partien gleichzeitig zeitpunkt-getreu abspielt, dann kann man Minute für Minute vorspulen, um zu sehen, wie es an den einzelnen Brettern dann und dann aussah.
Dazu noch eine pgn-Formaterweiterung und eine GUI Erweiterung, die anzeigt, ob und wann sich ein Spieler ein anderes Brett anschaut, um zu sehen,
ob er sein Remisangebot/Annahme abhängig von seiner Beurteilung der anderen Stellungen macht.
Wäre mir etwas zu inquisitorisch :-)
#3 StefanM 2012-09-07 18:15
Jedenfalls wurde in diesem Match mal wieder die alte Schachweisheit bestätigt: Die meisten Damenendspiele sind remis, es sei denn, man stellt die Dame ein :cry:
+1 #4 Thomas Richter 2012-09-07 22:36
Stefan Löffler sagt es ja: ob ein Remisgebot mannschaftsdienlich ist oder nicht weiss man erst hinterher. In dem Sinne ist es eine Entscheidung am Brett die erst im Nachhinein richtig oder falsch war - wie eventuell einige andere: Soll ich lang, kurz oder gar nicht rochieren? Soll ich die Damen tauschen? Soll ich einen Bauern opfern? Der Hauptunterschied ist dass es zwar Spieler gibt die "nie" remis anbieten, während jeder (zumindest jeder GM) in den anderen Fällen flexibler ist.

Ob die Stellung für Khenkin schwer zu spielen war kann er selbst besser beurteilen als jeder Aussenstehende, das ist ja (auch) Geschmackssache. Falls er Bönsch gefragt hat, der kann auch nur die momentane Situation an den anderen Brettern beurteilen und nicht hellsehen was später noch passieren wird. Er kann weder sagen noch denken "nee Igor, weiterspielen! Arkadij wird sein Remisendspiel vergeigen, Georg wird übel patzen, DU MUSST GEWINNEN!".

Tiger-Oli erwähnt zurecht dass Khenkin die anderen Partien ausgekämpft hat. Kann man ihm dann vielleicht auch zugestehen dass er sich an einem Tag nicht wohl fühlt - in der Stellung oder vielleicht auch aus ausserschachlichen Gründen - und remis macht?

Es gab übrigens noch einen deutschen Spieler der vielleicht zu früh remis machte: Gustafsson gegen Montenegro, ebenfalls in laut Computer besserer Stellung und gegen einen nominell schwächeren Gegner. Da bin ich mir ziemlich sicher dass Gusti remisierte als Naiditsch bereits verdächtig stand (und dass Meier sein Turmendspiel mit Mehrbauer nicht gewinnen konnte, damit konnte/musste man rechnen). Vielleicht kann man zumindest die letzte Frage beantworten: "Warum ist es kein anderer im Team ... ?" - weil Stefan Löffler es nur bei Khenkin thematisiert!?
-1 #5 Stefan Löffler 2012-09-09 16:56
Berechtigter Einwand, Thomas. Gusti gegen Montenegro war mir entgangen. Allerdings hatte er deutlich weniger Zeit auf der Uhr.

Kampfschach hat Chenkin dann übrigens auch in der letzten Runde gegen Grischuk nicht geboten, sondern (in einer doch eigentlich eher für Weiß günstigen Variante) die erstmögliche Zugwiederholung angesteuert.
+1 #6 Südschachfreund 2012-09-09 18:49
Ein Sieg von Khenkin hätte gegen Russland das Kraut auch nicht mehr fett gemacht. Aus persönlichen Gründen kann ich es nachvollziehen, schließlich bedeutet das Remis für ihn einen Elo-Gewinn. Und ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass das Rumgehacke auf einem Spieler eine Frechheit ist. Dass wir nicht weiter vorn sind, hat eher mit dem Bock von Meier gegen Armenien zu tun oder Naiditschs (unbremsbaren?) Siegesdrang gegen Montenegro als mit Khenkins Remisen. Und gegen Kurzremisen kann übrigens der Mannschaftsführer vorgehen, indem er einem Spieler ein Remisangebot ablehnen bzw. nicht aussprechen lässt, oder man für Kurzremisen wie die von Khenkin ein paar Euro Strafe für die Mannschaftskasse verlangt, fertig.

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