Zimmerunsitte

by on18. April 2013

Keine Angst das ist kein Artikel mit Content 18+ aber dennoch könnte man Angst bekommen, denn eine Unsitte mit Unterkünften sich ein zusätzliches Körberlgeld zu erwirtschaften, hat nun auch Mitteleuropa erreicht. Waren derartige Machenschaften bisher nur auf diversen FIDE-Veranstaltungen in fernen Ländern (ein Beispiel unter vielen die Olympiade in Istanbul) bekannt und mussten die Verbände dort tiefer als üblich in die Tasche greifen, so hat diese Unsitte nun auch Österreich erreicht.

Wegen diverser Probleme – unter anderem bei der Preisgeldauszahlung - strich im Vorjahr das Turnier in Oberwart die Segel und den nun frei gewordenen Termin schnappte sich der steirische Landesverband und organisiert im malerischen Bad Gleichenberg das Internationale Styrian Open 2013 mit guten Preisgeldfond und auch guten Angeboten für Unterkünfte – wäre da nicht nur meiner Meinung nach unnötiger Passus in der Ausschreibung enthalten:

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Wer also seine Unterkunft – aus welchen Gründen auch immer – nicht über die Organisation bucht, muss eine Gebühr von 70 Euro zusätzlich zum maximalen Nenngeld von 70 Euro entrichten. Nach heftigen Diskussionen im Netz Februar/März 2013 machte die Krennwurzn den Veranstaltern den Hinweis, dass dieser Passus im Widerspruch zum Dienstleistungsgesetz (DLG) und damit europäischen Normen stehen könnte.

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Anstatt die rechtlichen Rahmenbedingungen überprüfen zu lassen und die Ausschreibung noch rechtzeitig zu korrigieren, veröffentlichte der Veranstalter ein Statement auf der Seite des Schachlandesverbands Steiermark

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in dem die Kritiker bezichtigt werden „nicht alle Aspekte der Ausschreibung korrekt darzustellen“ und es wurde auch kommuniziert, dass man möglicherweise auch rechtlich gegen diese negative Stimmungsmache könnte. Nun ist die Krennwurzn am Schachbrett anerkannterweise eines der ängstlichsten Wesen des Universums, kennt aber andererseits keinerlei Angst, wenn man unterschiedliche Meinungen und Gerechtigkeitssinn durch Drohungen abwürgen möchte. Also schrieb sie den Sachverhalt an das österreichische Konsumentenschutzministerium.

Und siehe da: dieses sieht sehr wohl ein Verstoß gegen § 23 DLG:

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Auch das Argument, dass das DLG nicht für Vereine gelten sollte, wie vom Veranstalter eingebracht, wurde in der Stellungnahme abschlägig beurteilt. Als ich diese Erkenntnis dem Veranstalter telefonisch vorab mitteilte war das Gesprächsklima sehr unterkühlt und ich konnte keine Bereitschaft erkennen, dass der Passus abgeändert werden könnte – also blieb der Krennwurzn nur der traurige Weg dies einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sollten die Veranstalter diesen Passus nicht abändern, so steht jedem Betroffenen der Weg offen den wohl zu Unrecht bezahlten Organisationsbeitrag nachträglich vom Veranstalter auf gerichtlichem Weg zurückzufordern – ich hoffe aber immer noch, dass dies nicht notwendig werden wird.

Warum ist die Krennwurzn nicht früher damit an die Öffentlichkeit gegangen und was stört die Krennwurzn an diesem Passus?

Fangen wir mit dem Einfacheren an: die Krennwurzn ist zwar ein kritischer Geist, liebt aber das Schach und die Heimat sehr und möchte zudem niemanden Unrecht tun, der sich für das Schach einsetzt. Auch sind mir die Probleme und Risiken einer Turnierveranstaltung nicht fremd und ich möchte niemanden unnötig Steine in den Weg legen. Also habe ich – wohl vergeblich - gehofft, dass man diesen Organisationsbeitrag einfach streichen wird.

Ausdrücklich möchte ich betonen, dass ich das Unterkunftsangebot des Veranstalters als gut und auch preislich in Ordnung finde – wahrscheinlich sehen dies die meisten Schachfreunde auch so und werden sich für das Angebot entscheiden. Aber es ist nicht ersichtlich, dass jene (wenigen), die aus verschiedensten Gründen dieses Angebot nicht in Anspruch nehmen möchten eine zusätzliche „Organisationsgebühr“ zahlen sollten.

Die Südoststeiermark ist ein wunderschönes Urlaubsgebiet und viele haben dort ihre „Stammquartiere“ – also Unterkünfte in denen sie gerne nächtigen, wenn sie diesen wunderbaren Flecken Österreichs besuchen und die sie auch nützen wollen, wenn sie das Schachturnier in Bad Gleichenberg mitspielen wollen. Ebenfalls möglich ist, dass man bei Verwandten oder Freunden nächtigt und im Sommer darf man auch die Camper nicht außer Acht lassen, die die schöne Jahreszeit nützen möchten, usw...

Ferner sollte man aus touristischer Sicht auch bedenken, dass einige dann möglichweise länger bleiben als „nur“ zum Schachturnier. Neben den allbekannten Locations wie der Riegersburg, die Schokolademanufaktur Zotter und unzähligen Weinbauern mit hervorragenden Tropfen findet man im Süden auch Kren(Meerrettich)felder und wie geneigte Leser wissen, kocht die Krennwurzn gerne mit dieser hervorragenden Zutat – siehe „Steierisches Wurzelfleisch“ am Ende des Artikels über CB12. Und weil es gerade passt noch ein paar Tipps für Kulinariker aus persönlicher Erfahrung der Krennwurzn: herrlichen Wein und diverse Produkte vom Wollschwein bekommen sie beim Weingut Krispel und hochwertigen Essig und Hochprozentiges bei Gölles! Nebenbei brauchen Sie keine Angst haben rund um das Schachturnier auf die Krennwurzn zu stoßen, weil diese keine Sommeropen spielt – aber im Herbst, wenn die Nebel über die Landschaft huschen, dann kann es schon sein, dass die Krennwurzn in der Südoststeiermark zu Besuch ist!

Aber verlassen wir die süßen Träume und kommen wir nun zum unternehmerischen Risiko: ja das besteht für ein Schachturnier und es ist bekannt, dass ohne öffentliche Förderungen es sehr schwer ist, ein solches zu veranstalten. Aber kann es langfristig sinnvoll sein, mündige Konsumenten mit einer - sagen wir es etwas flapsig – „Strafzahlung“ zur Annahme eines Angebotes „zu zwingen“?? Nein, das ist keine tragfeste Strategie und schadet mehr als sie kurzfristig nutzt, wenn beispielsweise ein Schachfreund, der die Ausschreibung nicht genau gelesen hat und schon ein anderes Quartier gebucht hat, dann zähneknirschend nochmals 70 Euro extra hinblättern muss. Auch sollte man bedenken, dass dies auch Teilnehmer a priori abschrecken kann, weil das Turnier – wenn auch ungerechtfertigterweise – in falsches Licht gerückt werden könnte. Möglicherweise muss man dann ein höheres Nenngeld verlangen, aber dies ist dann für alle unabhängig vom Wohnsitz und gebuchter Unterkunft gleich und der Konsument kann frei entscheiden!

Daher sagt die Krennwurzn „NO“ zur Zimmerunsitte, die in manchen Teilen der Welt hingenommen werden muss, vor der uns aber die EU-Gesetzgebung schützt - denn ein Unterscheidungsmerkmal der freien Welt ist: freie Wahlmöglichkeit und möglichst wenig Zwang!

no

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

Kommentare   

#1 Guido Montag 2013-04-19 10:02
Respekt für die Courage
+1 #2 Tiger-Oli 2013-04-19 16:46
Dem schließe ich mich an - profunde Analyse, und keine Sorge vor dem Anecken. Respekt, Krennwurzn!

Was ich aber nicht verstehe: warum müssen in ausgerechnet die Leute mehr bezahlen, die ohnehin schon so eine weite Anreise ins schöne Österreich haben? Immerhin fallen für sie ja noch die Kosten für die Unterkunft an. Wäre es da nicht viel logischer, wenn sie 70,-€ weniger Startgeld hätten als die locals vor Ort?

Ansonsten: gab es nicht mal so eine inspirierte Initiative (aus Oberwart), dass bei Doppelpreisträgern nur der höhere Preis ausgezahlt wird - und der dann nicht verwendete Preis fällt dann den Organisatoren zu? Auch das fand ich schon eine sehr gute Idee.
-1 #3 Thomas Richter 2013-04-20 13:23
Das Verhalten der Veranstalter mag ungeschickt, unglücklich und rechtlich bedenklich sein. Aber der Vergleich mit FIDE-Veranstaltungen hinkt wohl. Da waren, dem Vernehmen nach, die offiziellen Hotels überteuert - teurer als vergleichbare Hotels, teurer als dasselbe, zu einem anderen Zeitpunkt privat gebuchte Hotel.

Diese Veranstalter haben dagegen, sagt auch die Krennwurzn, offenbar sehr günstige Hotelangebote ausgehandelt und können diese nur gewährleisten (auch 2014, 2015, ...) wenn sie genügend "Masse" liefern können. Daher die 'Strafgebühr' für Leute die anderweitig übernachten.

Die Ausnahme für Tagespendler mag grenzwertig sein, ist aber vielleicht durch denselben Paragraph 23 abgedeckt, nächster Satz: "Unterschiede bei den Zugangsbedingungen sind nicht diskriminierend, wenn sie durch objektive Kriterien gerechtfertigt sind." Kann man Leute zwingen indirekt für eine Dienstleistung (hier Unterkunft) zu zahlen die sie gar nicht brauchen? Damit würde man Einheimische aus der Südsteiermark abschrecken, die will man aber auch im Turnier - nicht nur Leute mit weiterer Anreise.

Ich sage nicht, dass das alles Schule machen sollte, kann aber die Motivation der Veranstalter zumindest nachvollziehen.
+1 #4 Krennwurzn 2013-04-21 12:46
Ja - Thomas da kommen wir zur Frage:

Heiligt der Zweck die Mittel?

Man könnte die überteuerten FIDE Hotelpreise ja auch dadurch erklären, dass der Veranstalter hohes Preisgeld, Kosten für Gratisplätze, etc. einfach auf die Preise aufschlagen muss!

Meine persönliche Meinung ist, dass wir im Schach durch vielerlei Umstände gezwungen sind uns wirtschaftlich neu zu orientieren - dh. wir müssen den Profibereich verkleinern, damit die verbleibenden Gelder das Auskommen für die Profis sichern können.

Downsizing ist notwendig - wird aber nie populär sein und sichert dennoch besser langfristige Chancen!

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