Warum patzen wir?

by on25. Februar 2012

Ich habe lange gezögert eine eigene Partie vorzustellen - gespielt wurde sie bereits am 17.12.2011. Es ist wahrlich kein Meisterwerk dafür aber schön kurz. Habe ich jemals ein Meisterwerk produziert?? Naja ich war zumindest einige Male und an verschiedenen Orten Vereinsmeister ... . Auch das natürlich auf Amateurniveau. Aber zum einen sind wohl auch die meisten Leser hier keine Profis, zum anderen haben wohl Schachspieler jeglichen Niveaus mitunter dieselben oder ähnliche Probleme und Erfahrungen. Als da wären: Was mache ich gegen einen nominell deutlich schwächeren Gegner für den Remis ein Erfolgserlebnis ist? Wie gehe ich bei der Zugauswahl vor in wenig konkreten Stellungen mit vielen etwa gleichwertigen Kandidaten, und wieviel Zeit nehme ich mir dann? Und zuletzt bzw. - siehe Titel - zuerst: Warum passieren saublöde Fehler, in der Tennissprache "unforced errors"? Wenn man das wüsste würden sie (einem selbst) nicht passieren ... .

Ausserdem passt die Geschichte auch noch zur Elodiskussion, denn mit dieser Partie habe ich meinem Gegner am Brett einen und in der (NL-nationalen) Eloliste 20 Punkte geschenkt. Ich habe mir einen groben Bock geleistet, was hat er geleistet? Ist es "gerecht" dass das System sooo dynamisch ist? Und sogar zu Problemschach, wann sieht man schon ein einzügiges Hilfsmatt in einer partienahen Stellung?

Genug der Vorrede, folgendes passierte (ausgerechnet) in einem Mannschaftskampf. Mein Gegner hatte etwa 200 Punkte weniger und wäre wohl mit Remis einverstanden gewesen, so interpretiere ich auch seine Eröffnung:

Richter (1975) - Laan (1755), Hoorn, 17.12.2011
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 d6 Aha - etwas passiv, aber solide und schwer zu knacken 4.d4 Ld7 5.0-0 Sf6 6.Sc3 Le7 7.Te1 exd4 8.Sxd4 Sxd4 9.Dxd4 Lxb5 10.Sxb5 0-0 Immer schön abtauschen. Schlecht ist es nicht, z.B. laut Datenbank öfters von GM Campora gespielt mit insgesamt 4.5/6 11.c4 Offenbar seltener aber vielleicht nicht schlechter als diverse andere Züge (11.Lg5, 11.Lf4, 11.Dc3!?) 11.-c6 12.Sc3 Le7 13.Lf4 Tfd8 14.Tad1 Td7 Hier tauchte ich länger ab und entkorkte nach 15 Minuten 15.Se2 mit der Idee Sg3-f5. Ob das stellungsgemäss ist, wer weiss das schon? 15.-Da5 er stellt eine gemeine Falle ... 16.a3 Tad8 die kritische Stellung
Und wieder grübelte ich ... nochmal 15 Minuten wobei ich alles mögliche betrachtete. Meine Gedanken waren "ich stehe mit Raumvorteil leicht besser aber wenn er d6-d5 durchdrückt hat er Ausgleich und die Stellung verflacht, wie kann ich das verhindern oder zumindest erschweren?" Ich hatte sogar 17.Kf1!? erwogen um den Te1 vorsorglich zu decken und eventuelle Grundreihenprobleme abzufedern, das erschien mir aber doch zu gekünstelt. Das eigentlich geplante 17.Sg3 verwarf ich weil ich dachte dass er dann mit 17.-Sh5 noch eine Leichtfigur abtauschen kann - das kleine Problem dabei sah ich erst bei der häuslichen Nachbereitung. Nicht erwogen hatte ich 17.Sc3 (Vorschlag eines Teamkollegen) denn da kam der Springer ja gerade her, Auch nicht erwogen hatte ich 17.Dd3 - gleiche Idee wie in der Partie aber ohne Risiken und Nebenwirkungen. Irgendwie hatte ich vergessen dass Figuren rückwärts ziehen können und das das nicht schlecht sein muss. Stattdessen vorwärts mit - vielleicht ahnt es der eine oder die andere bereits 17.Td3 Ich hatte dabei ein ungutes Gefühl, stand auf, ging auf die Toilette, sah mir dann die anderen Bretter an. Alles wäre OK wenn ich das geplante b4 ziehen könnte ohne dass Schwarz zwischendurch an der Reihe ist. Mein Gegner wartete geduldig auf mich, und dann flog seine Dame von a5 über b4, c3 und d2 nach e1, kegelte meinen Turm weg und warf meinem König einen frechen Blick zu, das Hilfsmatt war perfekt!

 

Ich hatte doppelt Glück im Unvermögen: 1) Ich musste (konnte/durfte) diese Stellung nicht mehr weiterspielen - in Mannschaftskämpfen dieser Klasse wird sonst erwartet auch hoffnungslose Stellungen keinesfalls zu früh aufzugeben. 2) Im Nachbarraum spielten Teams einer (viel) höheren Spielklasse. Ein international bekannter Spieler hatte kurz vorher noch vorbeigeschaut, aber _das_ hat er nicht live gesehen. Wenn ich noch eine Ausrede brauche: Ich war mit meinen Gedanken vielleicht auch ein bisschen in Warschau (damals war ich ein bisschen Schachjournalist, momentan blogge ich nur).

Und mein Team hatte auch Glück im Unglück - man kann es vielleicht Pech nennen dass ein sonst recht zuverlässiger Spieler im falschen Moment patzt. Gibt es einen richtigen Moment? In der Vereinsmeisterschaft wäre es den anderen eher egal oder sogar Recht gewesen ... (nicht dass ich irgendwelche Vorwürfe bekam). Der Gegner gab das Weihnachtsgeschenk nämlich doppelt zurück: Ein Spieler verlor auf Zeit - für den Kontrollzug nahm er ca. fünf Minuten und das war genau eine Sekunde zuviel. Ein anderer liess sich mit Mehrfigur unnötig mattsetzen (auch da gewann der nominell deutlich schwächere Spieler). Dadurch gewannen wir am Ende mit 5-3.

Warum passiert sowas, und passiert es nur mir?? Nein, ähnliches passiert manchmal auch Grossmeistern wie Boris (Nachname verrate ich nicht) in der Bundesliga bewies:Hector-Grachev

Hier folgte 34.Td6 Te6?? 35.Txc6 1-0 . Ich vermute mal dass der Schwarzspieler - genau wie ich - nicht im Traum oder Alptraum daran dachte dass er diese Stellung schnell verlieren kann. Im Gegensatz zu mir hatte er immerhin diverse Verlustzüge. Auch im Gegensatz zu meinem Mannschaftskampf fehlte seinem - eigentlich favorisierten - Team am Ende ein halber Punkt zum 4-4.

So, ich bin gespannt auf Kommentare. Gibt jemand öffentlich zu dass ihm schon mal ähnliches passiert ist???

Kommentare   

#1 Tiger-Oli 2012-02-25 22:51
Herr Richter, Herr Richter, was müssen wir da lesen?

Mir ist so etwas NOCH NIE passiert. (na gut, vielleicht doch)

Aber Danke für die offenen Worte - ein sympathischer Bericht von Dir.
Mit den 20 ELO-Punkten, die mal mir nichts Dir nichts in einer Partie verschwinden ... das ist ein altes Leiden, so ist das System, und wir müssen wieder zwei Jahre daran arbeiten, diese Punkte aufzuholen. Nun denn!
#2 Krennwurzn 2012-02-26 13:01
Lieber Thomas,

das habe ich schon 2009 viel besser hingebracht:


Krennwurzn (1800)-NN(2000)

FEN: 5r2/p3p1bk/2p2rpp/2P4q/Np 2Q3/3BR3/PP4P1/2KR4 w - - 0 3

Kb1 !!!

Die Frage nach dem Warum ist schwer und leicht beantwortbar zugleich - in Deiner und meiner Stellung ist der Turm gedeckt und irgendwie muss man "vergessen", dass durch einen eigenen Zug diese Deckung aufgegeben wird.

Normalerweise kann ich mit Niederlagen sehr gut umgehen - aber nach diesem Zug war der Rest des Turniers (noch 6 Runden) nur noch eine Qual für mich. Und es war kein Schnellschach oder Blitzturnier - es war eine Landesmeisterschaft im Turnierschach!
#3 Kinky 2012-02-28 09:17
Aber 17. Sg3 finde ich immer noch am nahliegensten. Auf Sh5 kann man den unerwünschten Leichtfigurentausch immer noch vermeiden, indem man Ld2 zwischenzieht (nebst der Idee Sf5!). Danach muss der sS erst wieder ins Spiel zurückgeführt werden.
Und auch der Zug 17.... d5 wird nicht alle schwarzen Problem lösen, da Weiß grds. die Option 18. cd: cd: mit anschließendem 19. e5! offensteht. Der sB d5 ist ein schönes Angriffsziel und der wB e5 sichert zusätzlichen Raumvorteil.
#4 Gerhard 2012-02-28 11:19
Ich hätte ad hoc 17.Dc3 gezogen.

Aber Fauxpas, darum ging es ja dem Autor! Ich hatte mir einst mal einen Läufer einsperren lassen. Das war extrem bitter.
#5 Dirk Paulsen 2012-02-28 12:54
Die weiße Stellung ist doch unbedingt vorzuziehen. Genau wie von Kinky beschrieben, ist d5 keine wirkliche Drohung.
Nicht ganz teilen kann ich die (häufig zitierte) Weisheit, dass man die Fehler abstellen würde, wenn man denn ihre Ursache kennte. Ich meine, sie sehr gut zu kennen, kann aber regelmäßig in the heat of the action mich nicht disziplinieren, die Aufmerksamkeit auf die (längst erkannten) Ursachen zu lenken. Sprich: die gleichen Fehler passieren wieder und wieder. Vor allem ist es so, dass man zu einem Zeitpunkt plötzlich die Übersicht verliert -- und sie dann einfach nicht mehr hin bekommt.
Die Fehlerursache sind natürlich, wie vieles andere auch, so man denn möchte, in Kategorien zu unterteilen /die Frage zugleich gestellt, ob man ihnen nicht ihre Individualität lassen sollte). EIn Beispiel ist aber regelmäßig Überheblichkeit. Man sieht seine Stellung längst als klar gewonnen (was sie auch sein mag), zieht aber in einem Moment zu schnell --und hat schon die einzige Gegenmöglichkeit des Gegners missachtet. Dieses Problem wird sich übrigens durch alle Spielstärkeklassen hindurchziehen, jedoch, wie viele andere kleinere Nachteile der schwächeren gegenüber den besseren Spielern in den höheren Klassen entweder seltener vorkommen oder aber von geringerem Ausmaße sein (also ein Großmeister sieht seine Stellung als technisch gewonnen, missachtet aber eine Befreiungsaktion des Gegners, welche die Aufgabe erschwert und zu vermieden gewesen wäre, während der schwächere vielleicht in der überlegenen Stellung einfach einen Bauern stehen lässt, wenn nicht gar noch mehr...).

Zum Outing von Fehlern ähnlichen Ausmaßes: ich plane gerade das Buch -- damit den langjährigen Vorkämpfer locker in den Schatten stellen, nämlich Hübner mit seinen fünfundfünfzig feisten Fehlern -- "einhundertundeinundneunz ig unnötige Niederlagen".

Da sollen nicht etwa Klöpse des Ausmaßes eines Robert Hübner hinein, welche ab und an der Kategorie "selbst wenn ich alle Verästelungen seiner Varianten komplett abgearbeitet habe -- also nach zweieinhalb Wochen -- , sehe ich immer noch nicht ein, was seinen feisten Fehler von dem angeblich besseren unterscheidet", sondern etliche der Kategorie der oben angegebenen Beispiele, für welche man allerhöchstens die Regeln beherrschen muss, um die Auswirkung auf einen Blick zu erkennen.

Das krasseste Beispiel war eines, als ich 1981 in Krosno/Polen damals noch von DSB gefördert auf der Jagd nach IM-Normen, zunächst zwei Figuren mehr hatte, als Kompensation hatte er mir aber zusätzlich einen unwiderstehlichen Mattangriff eingeräumt, während der Gegner mit den Pfunden einer verbliebenen Minute auf der Uhr für etwa 15 Züge wuchern konnte (gegenüber meiner halben Stunde). Ihm fehlte also, wie mir viele als Begründung für das Weiterspielen angaben, lediglich die Zeit zum Aufgeben.

Die eine Mehrfigur gab ich für den Damentausch her. Keine Frage, dass ich sein Zugtempo mitging. Nun, mit einer Figur mehr im Endspiel (gegen einen Bauern) winkte noch immer ein leichter Sieg. Als ich jedoch in der Stellung w: Kg2, Th1, La1, Bf2, g3 gegen s: Ke6, Tf8, Bf7, g6, a3 (ich kann keine Diagramme hier reinstellen, wer übernimmt das?) den Zug 1. Th8?? entkorkte, schaffte mein Gegner die letzten beiden Züge vor der Zeitkontrolle auch noch, bei hängendem Blättchen, nämlich 1.... Txh8 2. Lxh8 f6! Der Bauer a3 ist nicht zu halten. 0:1.

Als kleinen Ausgleich rannte ich erst einmal mit dem Kopf gegen die Wand. Strafe muss sein. Am Ende des Turniers fehlte ein halber Punkt zur IM-Norm. Der DSB lud mich nicht mehr ein, mit der Begründung, dass FIDE Meister Normen zwar gut wären, aber sie doch IM-Normen haben wollten.

Eine Begründung für einen derartigen Fehler gibt es natürlich auch, die, außer dem Unsinn des Mitziehens und des Damentauschs und so weiter (anstatt das Matt zu suchen), in der Stellung und in der Vorgeschichte zu suchen sind: wie man sieht, ist ein König ausgewandert. Rudimente des tödlichen Angriffs sind noch erkennbar, denn der Turm und der Läufer (früher im Verbund mit der Dame) haben die lange Diagonale eingenommen, und zwar in ganz feste Hände. So blieb nur der Ausweg der Flucht über f8, e7. Da ich diese Diagonale eine lange Zeit so sicher im Griff hatte, kam ich nicht darauf, dass nun alle Figuren, die sie beherrschten weg sind. Der Zug f7-f6 sperrt den Läufer aus, konnte aber aus dem angegebenen Grund ganz gut übersehen werden. Der ging nämlich nie.
#6 Gerhard 2012-02-28 13:15
Herr Paulsen, es muß wohl Lf1 statt( Lf2 )lauten.

Ich denke, man kann solche Fehler schon analysieren (wenn man hinzulernen will!). In Herrn Richters Fall waren es "zuviel Erwägungen". Dieser absolvierte Wust an Varianten ermüdete.

Bei Herrn Paulsen war das so, daß er den Kopf verlor. Die Nachteile des Gegners waren zu numerös, sodaß der Sieg mehr als greifbar war.
Ich persönlich fand es immer schwierig, eine gewonnene Partie zu gewinnen, eben weil man so dicht vor dem ersehnten Ziel stand.
#7 Dirk Paulsen 2012-02-28 23:24
@Gerhard: wo war denn von Läufer f1 oder f2 die Rede?
#8 Gerhard 2012-02-29 00:07
@Herr Paulsen,
w: Kg2, Th1, La1, Bf2, g3 gegen s: Ke6, Tf8, Bf7, g6, a3
#9 Dirk Paulsen 2012-02-29 09:29
@Gerhard: ja, das war die Stellung, wobei (da ich sie aus dem Kopf rekonstruierte, sie mir sozusagen immer erinnerlich bleiben wird, zumindest das Wesentliche) der Turm wohl auf e8 stand und nicht auf f8, obwohl ich mich ganz sicher daran zu erinnern meine, dass ich den Turmabtausch mit meinem Zug erzwang, was ja bei Turm auf e8 nicht der Fall wäre, da er nach e7 ausweichen könnte. Dennoch ergibt es weit mehr Sinn, wenn er auf e8 steht. Warum hätte, nach dem Exodus des Königs, zurück nach f8 gesollt? Nun, ich könnte die Partie ja raussuchen?
Andererseits, Gerhard: wo war nun ein Läufer auf f1 und nicht f2 oder umgekehrt? Er steht auf a1, das war sicher so.
#10 Gerhard 2012-02-29 10:01
Vielmals sorry, Herr Paulsen! Die Notation Bf2 übersetzte ich innerlich mit "Lf2" , merkte dann aber beim gedanklichen Aufbau, daß ein Bauer auf f2 stand. Ich vergaß diese "Erkenntnis" aber merkwürdigerweise wieder und schrieb Ihnen meine Verwirrung.

Dazu passend: Ich verlor einst eine Mittelspielstellung mit 2 (!) Mehrbauern an Brett 1 eines Turniers, weil ich IRGENDWIE das ein, zwei Minuten zuvor erkannte Motiv "Durchmarsch des Bauern" vergaß (W: a2,b2, c2, S: a4, b4, c4).
Vergessen werde ich das auch nicht mehr. Weil es sooo absurd war und mir den möglichen Turniersieg kostete.

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